Der Vatikan geht Hand in Hand mit chinesischen Kommunisten

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Redakteurin: Hanna Shen (2018)

 

Ende September dieses Jahres teilte der Vatikan mit, er habe mit Peking ein “befristetes“ Abkommen über die Ernennung von Bischöfen geschlossen. Obwohl dieses Abkommen als historisch dargestellt wird, ist es in Wirklichkeit eher ein Symbol für den Fall der vatikanischen Hierarchie, die entschieden hat, die katholische Kirche den chinesischen Kommunisten zu unterstellen. Und dies auch noch in dem Moment, in dem sich auch Pekings Repressionen gegen Christen verschärft haben.

Dass es zwischen dem Vatikan und Peking zu einer Vereinbarung kommt, war seit langem bekannt. Wenige Tage vor der offiziellen Bestätigung teilte das taiwanesische Außenministerium mit, dass es weiß, dass der Vertrag an der Wende von September und Oktober unterzeichnet wird. Informationen zu dem Kompromiss wurden am 23. September veröffentlicht.

Aus der Mitteilung des Vatikans wissen wir, dass das Dokument vom Sekretär für die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und anderen Ländern, Pater Antoine Camilleri, und dem stellvertretenden chinesischen Außenminister Wang Chao unterzeichnet wurde. Beide Parteien geben nicht vor, sich für Transparenz zu interessieren, weil sie sich dazu verpflichtet haben, den Inhalt des Kompromisses nicht vollständig zu veröffentlichen.

Das Abkommen geht davon aus, dass die patriotische Vereinigung der Katholischen Kirche (PVKK), die unter der vollen Kontrolle der kommunistischen Partei Chinas (KPCh) steht, Bischofskandidaten ernennen wird. Dies bedeutet, dass in Wahrheit die Partei die Bischöfe wählt. Erst aus dieser Liste, die von der PVKK und der KPCh genehmigt wurde, wird der Vatikan Bischöfe wählen. Im Rahmen dieser Vereinbarung erkannte Papst Franziskus auch sieben, von den Behörden zuvor ohne seine Zustimmung ernannten Bischöfe, als legitimiert an. Man würde in einem solchen Vertrag erwarten, dass Peking im Gegenzug die vom Papst ernannten chinesischen Bischöfe der Untergrundkirche anerkennt. Dies ist jedoch nicht geschehen, was als Gewinn der KPCh und als Schwäche des Vatikans verstanden werden kann. [1]

Vatikanische Hauptakteure

Es lohnt sich, einen Blick auf die Hauptakteure des Vatikans zu werfen, welche hinter der Vereinbarung stehen, sowie auf ihre Aussagen der letzten Monate bezüglich des kommunistischen chinesischen Staates.

Der wichtigste Akteur ist natürlich Papst Franziskus, von dem gesagt wird, dass er sich bereits seit langer Zeit ein Abkommen mit Peking wünschte und bereit war, den Kommunisten große Zugeständnisse zu machen, um dies zu erreichen. Quellen, die dem Vatikan nahe stehen, geben in den Aussagen für die hongkonger Zeitung “South China Morning Post“ zu,  dass selbst die “starke ideologische (Anm.: kommunistische) Abweichung von Xi [2]“ und die zunehmende Repression gegen Christen in China die Haltung des Papstes nicht beeinflussen konnten. Die, welche versuchten, den “chinesischen Traum“ von Franziskus zu vernichten, wurden schnell vom Spiel ausgeschlossen. Das war das Schicksal von Erzbischof Savio Hon Tai Fa. Dieser in Hongkong geborene Priester wurde von Benedikt XVI. zum Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker ernannt. Erzbischof Hon war bekannt für seine negative Haltung gegenüber dem Kommunismus und für die Verteidigung der chinesischen Katholiken. Papst Franziskus entschied daher, dass es besser sei, ihn vom Heiligen Stuhl und den chinesischen Angelegenheiten zu entfernen. Der Priester wurde als apostolischer Nuntius nach Griechenland geschickt.

2014 wurde dem päpstlichen Flugzeug auf dem Weg nach Südkorea zum ersten Mal der Flug über chinesisches Hoheitsgebiet von Peking genehmigt. Bei dieser Gelegenheit sandte Franziskus ein Telegramm mit “besten Wünschen“ an den kommunistischen Führer der Volksrepublik China, Xi Jinping, und Gottes Segen für China. Man sagt, dass es von dieser Zeit an der Traum des Papstes wurde, nicht nur über China zu fliegen, sondern auch in das Reich der Mitte zu fliegen. Daher verstärkte der Vatikan ab 2014 die Kontakte zu chinesischen Diplomaten und der Papst umgarnte Xi Jinping weiterhin.

Anfang 2017, kurz vor dem chinesischen Neujahr, gab Franziskus dem Portal “Asia Times“ ein Interview, in dem er die Verfolgung von Christen in China nicht erwähnte. Stattdessen lobte der Papst die Volksrepublik China als einen “Schatz der Weisheit“ und ein “aus vielen Gründen gesegnetes Land“. Wenn er beispielsweise nach der Politik zur Bevölkerungskontrolle gefragt wurde, vermied er kritische Reaktionen auf die kommunistischen Behörden in Peking. Der Interviewer Francesco Sisci erklärte, er habe den Papst bewusst nicht nach komplizierten politischen Fragen und den Beziehungen zwischen China und dem Vatikan gefragt. Kein Wunder! Die Frage nach der Situation der Untergrundkatholiken im Reich der Mitte wäre für einen italienischen Journalisten, dessen Partnerin die Tochter eines Offiziers der chinesischen Volksbefreiungsarmee ist, und der häufig zu Besuch in des staatlichen Fernsehsenders CCTV in China ist, möglicherweise unbequem. Der Linke Sisci forderte einst die Zusammenarbeit Italiens mit der chinesischen zentralen Parteischule. Das Ziel dieser Institution ist es, den kommunistischen Führungskader auszubilden.

Bischof Marcelo Sanchez Sorondo, Kanzler der päpstlichen Akademie der Wissenschaften, war auch ein großer Befürworter der Vereinbarung mit Peking. Dieser Geistliche bezeichnete Anfang Februar dieses Jahres in einem Interview für die spanischsprachige Ausgabe des Portals “Vatikan Insider” China als das Land, das die katholische Soziallehre in der Welt am besten umsetze. Der Geistliche verglich den kommunistischen Staat mit den USA und argumentierte, dass die chinesische “Wirtschaft nicht so wie dies in den USA der Fall ist, in der Politik dominiert”, und dass man im Reich der Mitte keine Armenviertel und Drogen findet. Sorondo lobte die Unterstützung der kommunistischen Regierung Chinas für das in Paris geschlossene globale Klimaabkommen, aus dem Präsident Trump sein Land zurückzog. Dem Hierarchen nach bedeutet dies, dass die Chinesen die “moralische Führung“ übernommen haben, auf die die Amerikaner verzichtet haben.

Einige Monate vor dieser Erklärung lud Bischof Sorondo eine Delegation aus der chinesischen Volksrepublik zur Transplantationskonferenz ein. Kritiker der Teilnahme der chinesischen Gäste bemerkten, dass im Reich der Mitte jeden Tag  dutzende Menschen für Organe getötet werden, hauptsächlich Anhänger der unterdrückten Falun Gong-Bewegung, aber auch Christen, Uiguren und Tibeter. Laut den Autoren des Berichts über den Organraub von Häftlingen in China – dem Rechtsanwalt David Matas, dem ehemaligen kanadischen Parlamentarier David Kilgour und dem amerikanischen Journalisten Ethan Gutmann – werden im Reich der Mitte 60-100 Tausend Transplantationen jährlich vorgenommen, wesentlich mehr als irgendwo sonst auf der Welt, und die Chinesen erzielen damit riesige Gewinne. Bischof Sorondo antwortete den Kritikern nicht, er verteidigte Peking sogar. “Gibt es in China illegale Transplantationen? Dies kann nicht bestätigt werden“ – sagte der Hierarch. Bischof Sorondo erlaubte auch keine Fernsehkameras bei der Präsentation chinesischer Sprecher.

Am Tag vor der Bekanntgabe der Vereinbarung des Vatikans mit Peking erschien in der “Global Times“, einer Zeitung, die den Kern der Propaganda der KPCh bildet,  ein Interview mit Bischof Sorondo, in dem der vatikanische Hierarch erneut Peking lobte. Unter anderem bezeichnete er China als “ein Land, das sich an das Prinzip des Gemeinwohls hält“ und kritisierte die Kritiker des Abkommens mit dem kommunistischen Regime als “laute Minderheit“.

Eine wichtige Persönlichkeit der letzten Jahre im Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China war auch der Erzbischof Theodore McCarrick, der sich kürzlich im Zusammenhang mit einem Skandal mit homosexuellem Hintergrund von der Kardinalwürde verabschiedete.

“In den letzten 20 Jahren war Erzbischof McCarrick mindestens achtmal in China, manchmal in einem staatlich kontrollierten Seminar in Peking, und diente oft als inoffizielle Brücke zwischen dem Vatikan und den von der Regierung ernannten chinesischen Bischöfen bis 2016“ – behauptete die amerikanische Website “National Catholic Register”.

Das Portal beschrieb auch die Kontakte des Helden eines Homosexuellen-Skandals mit “Bischöfen“, die vom Regime genehmigt, aber nicht vom Heiligen Stuhl anerkannt wurden, unter anderem mit Michael Fu Tieshan, der neben der Funktion in der “Patriotischen Kirche“ auch stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses der Chinesischen Versammlung der Volksvertreter war. [3] Der katholischen Nachrichtenagentur zufolge beschuldigten ihn sogar die Gläubigen der Diözese, in der Michael FU Tianshan als Bischof diente, der Schwäche, einer Eigenschaft, die ihn zur völligen Unterwerfung unter die KPCh führte. Erzbischof McCarrick wirkte, wie Bischof Sorondo, in den kommunistischen Medien in China. In einem Interview für die “Global Times“ vom Februar dieses Jahres stellte er fest, dass “sich Franziskus über viele der Probleme, um die sich China Sorgen macht, ebenfalls sorge – um die Armen, die Alten, die Kinder, unsere Zivilisation und vor allem um die Ökologie.“ Und dann fügte der Geistliche hinzu, dass die Ähnlichkeiten zwischen dem Papst und dem chinesischen kommunistischen Führer ein “besonderes Geschenk für die Welt“ sein könnten. Erzbischof McCarrick versicherte auch, dass “dieser Papst China liebt“ und dass er von diesem Land sehr begeistert ist.

Die schlechtmöglichste Zeit

Der Vatikan schloss im schlimmsten Moment mit dem kommunistischen Regime einen Kompromiss. Insbesondere unter der Herrschaft des derzeitigen chinesischen Präsidenten Xi Jinping verschlechterte sich die Lage der Christen dramatisch. Pastor Bob Fu, ein chinesischer Dissident und Gründer der christlichen Organisation “China Aid Association” (CAA), glaubt, dass die Situation der Christen im Reich der Mitte die schwierigste seit der Kulturrevolution ist. Wieder werden die Kreuze aus den Kirchen entfernt, Tempel und Gebetshäuser zerstört und die Gläubigen festgenommen. Repressionen gegen die Geistlichen hören nicht auf.

Unter den von den Kommunisten abgerissenen Tempeln befinden sich auch katholische Kirchen. Zwei von ihnen wurden wenige Wochen bevor der Vatikan das Abkommen mit Peking geschlossen hat, zerstört. Auf Befehl der Regierung der Volksrepublik China wurde das im Jahr 1903 entstandene Sanktuarium der Muttergottes von Scapular in der Provinz Henan abgerissen. Am 13. August dieses Jahres ereilte die katholische Kirche, die in den 1920er Jahren in den Vororten von Jinan in der Provinz Shandong errichtet wurde, ein ähnliches Schicksal.

Im März dieses Jahres verkündeten die Kommunisten “Regelungen zur Förderung des chinesischen Christentums in den nächsten 5 Jahren“. Dieses drakonische Gesetz verlangt, dass die Gläubigen die Treue zu der kommunistischen Partei und die Liebe zu ihrem Heimatland an die erste Stelle stellen, was in der Praxis die Verpflichtung zur Anbetung des kommunistischen Regimes bedeutet.

Die neuen Regelungen sprechen auch davon, das chaotische Bewerben der Religion im Internet zu stoppen, mit anderen Worten, die Einführung einer noch größeren Blockade und die Zensur von Websites, die religiöse Inhalte populär machen, durchzusetzen.

Franziskus zu den Betrogenen: “vertraut!”

Die Einigung mit Peking wurde von Anfang an von Kardinal Joseph Zen, dem pensionierten Bischof von Hongkong, stark kritisiert. Der Geistliche glaubt, dass, obwohl die Bischöfe der Patriotischen Vereinigung der katholischen Kirche normalerweise der Lehre der Kirche treu sind, sie “Marionetten“ sind, die von den kommunistischen Behörden kontrolliert werden. Nach Kardinal Zen ist der Kompromiss mit den chinesischen Kommunisten ein “unglaublicher Verrat“ an den Gläubigen, die der grausamen Verfolgung getrotzt haben und dem Heiligen Stuhl treu geblieben sind. Der ehemalige Bischof von Hongkong fügt hinzu, dass der Vatikan “seine Herde direkt in die Fänge der Wölfe geschickt hat“. Diese Aussage ist völlig richtig, denn der vom Vatikan geschlossene Kompromiss zwingt Katholiken, die in der Kirche bleiben wollen, den Untergrund zu verlassen und sich den Kommunisten zu offenbaren.

Bischof Joseph Zen glaubt auch, dass mindestens die Hälfte der Untergrundkatholiken [4] die Kirche verlassen wird, anstatt mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten. Viele haben schon früher darüber gesprochen. In einer Aussage für die britische Tageszeitung “The Daily Telegraph“ (April 2016) beschrieb Priester Dong Baolu, von der Untergrundkirche in Shijiazhuang in der Provinz Hebei, den damals möglichen Kompromiss des Vatikans mit den kommunistischen Behörden als “Verrat durch Rom“ und fügte hinzu: “Wenn dies geschieht, werde ich zurücktreten. Ich habe nicht vor, Teil einer Kirche zu sein, die von der kommunistischen Partei kontrolliert wird.“

Darüber, dass die Vereinbarung viele Katholiken in China schockiert, schrieb ein chinesischer Priester, der einen Blog unter dem Pseudonym Shanren Shengfu (Bergpriester) führte. Der Geistliche sagte, dass der Kompromiss die Realität, in der die Christen in China leben, vollständig ignoriert, sowie den Blick von der Verfolgung und anderen Schwierigkeiten abwendet, mit denen die Katholiken, die in der Volksrepublik China leben, jeden Tag konfrontiert sind.

Der chinesische Priester und Blogger glaubt, dass das größte Verbrechen dieses Kompromisses gerade darin besteht, dass niemand daran interessiert war, die Stimme der Herde Christi, also die chinesischen Katholiken, zu hören. Was zählte, war das, was die hochrangigen Hierarchen des Vatikans und des KPCh-Apparats erreichen wollten.

Erst einige Tage nach dem Abschluss der Vereinbarung antwortete Papst Franziskus auf die Stimmen der Unzufriedenheit und Kritik.

Er betonte, dass er selbst die volle Verantwortung für die Vereinbarung trägt und appellierte an die Gläubigen in China, “gute Bürger“ zu sein und Spaltungen zu überwinden, um Versöhnung und Einheit zu erreichen. Franziskus gab zu, dass er weiß, dass einige Katholiken in China leiden und sich betrogen fühlen werden. Er brachte jedoch die Überzeugung zum Ausdruck, dass sie dem Papst dank großem Glauben vertrauen würden.

Fußnoten:

[1] Verhandlungen über Untergrundbischöfe begannen, nachdem die Vereinbarung unterzeichnet wurde.

[2] Es geht um Chinas Präsidenten Xi Jinping.

[3] Die Generalversammlung der Volksvertreter ist das Parlament der Volksrepublik China

[4] Die Gesamtzahl der im Untergrund verbleibenden Katholiken wird auf 10 bis 15 Millionen Gläubige geschätzt.